numero  42  settembre 2003Indice articoli in lingua originale

DIE ENERGIEKRISE ALS FUNDAMENTALE SYSTEMKRISE
Hermann Scheer  

Die Energiekrise in Italien ist nur ein Glied in der Kette vergleichbarer Energiekrisen, die es in jüngerer Zeit an verschiedenen Stellen der Welt gegeben hat. Weltweites Aufsehen erregte zum Beispiel die Energiekrise vor zwei Jahren in Kalifornien, deren Verlauf fast identisch war mit der in Italien. Der Anlass war, dass die Stauseen nicht mehr genug Wasser hatten, um gleichzeitig Hydroelektrizität zu produzieren und aus den Stauseen den Wasserbedarf für die Landwirtschaft und die Trinkwasserversorgung zu befriedigen.

Doch der wirkliche Grund war, dass durch erhöhte Temperaturen, die bereits eine Folge der Klimaveränderungen sind, das Energiesystem kollabieren musste. Es ist seit Jahren nur noch eine Frage der Zeit, wann und wo das geschieht. Der Kühl-Energiebedarf steigt, vor allem in südlichen Ländern, wenn es wärmer wird. Der Bedarf kollidiert mit dem zunehmenden Wassermangel, der gleichfalls eine Folge der Erwärmung ist. Und das konventionelle Energiesystem, allem voran die großen fossilen und atomaren Kraftwerke, ist der größte Wasserkonsument. Ein circulus vitiosus.

Überraschend ist das nur für diejenigen, die das Denken in Zusammenhängen verlernt haben und sich nur noch mit deren einzelnen Partikeln beschäftigen. Dieses partikuläre Denken, mit der Fixierung auf die linearen Entwicklung der einzelnen Partikel, ist zwangsläufig anti-universell. Es macht blind gegenüber den tatsächlichen Problemen. Es prägt die Welt der überspezialisierten Wissenschaft und der technokratischen Experten. Es passt in die Dogmatik des Marktpurismus, die nur noch Kostenvergleichen einzelner Stücke denkt; die zwischen Naturgütern und technischen Gütern, öffentlichen und privaten Gütern nicht unterscheidet; und die sich für die Nebenfolgen und sozialen Kosten nicht verantwortlich sein will und kann. Sie macht blind gegenüber den richtigen Strategien zur Überwindung dieser Krisen. Wird die Antwort auf die Energiekrise erneut den partikulären Experten und der Energiewirtschaft überlassen, ist die Expansion des Teufelskreises vorprogrammiert - und damit weitere, in immer kürzeren Abständen und umfassenderen Energiekrisen.

Das ist jetzt schon absehbar, von Kalifornien bis Italien. Die Antwort, die die Bush-Regierung und die amerikanische Energiewirtschaft auf die kalifornische Krise gegeben hat, ist identisch mit den Antworten, die von ihren Pendants in Italien diskutiert werden: Neue Atomkraftwerke sollen gebaut werden und neue Hochspannungsleitungen. Als Begründung wird genannt, dass Atomkraftwerke klimaschonend seien, weil sie keine Kohlendioxid-Emissionen haben. Deshalb könnte man damit die globale Erwärmung verhindern. Der zweite Teil der Begründung ist, dass das Potential erneuerbarer Energien zu gering sei, um fossile Energien substituieren zu können. Die Krise wird damit ausgebeutet für eine Perpetuierung der Krise, und für ein roll-back zur Atomenergie.

Tatsächlich müsste die Krise der definitive Impuls dafür sein, endlich zu erkennen, dass die Welt in einer ökologischen, ökonomischen, sozialen und kulturellen Energiefalle existenziellen Ausmaße steckt. Auch die Linke hat in dieser Frage bisher intellektuell und praktisch versagt. Und selbst die Umweltschutzinitiativen haben die tatsächliche Dimension des Energieproblems nicht ausreichend erkannt. Es gibt drei fundamentale Probleme des atomar/fossilen Energiesystems, das weltweit dominant geworden ist: Die Erschöpfung der Ressourcen; der von diesen Ressourcen ausgehende strukturelle Zwang, die Wirtschaft und die Zivilisationsstrukturen zu zentralisieren und zu globalisieren und dadurch regionale Wirtschafts- und Zivilisationsstrukturen zu destabilisieren. Und die prinzipielle Inkompatibilität mit der Ökosphäre insgesamt. Jedes dieser fundamentalen Probleme hat dramatische Folgewirkungen, die sich auf alle relevanten politischen Fragen erstrecken.

Verstehen kann man diese Zusammenhänge nur, wenn man die Basiserkenntnis nicht vergisst, dass ohne Energie nichts möglich ist. Wenn man erkennt, dass die Verfügbarkeit von Ressourcen die Basisbedingungen jeder Form des Wirtschaftens ist. Das physikalische Prinzip des Wirtschaftens ist die Ressourcenkonversion: die Konversion von primären Naturgütern in Produkte und die Konversion primärer Energie in eine Nutzenergie, um die Produktion von Waren und deren Verteilung möglich zu machen. Die Verfügbarkeit dieser Ressourcen entscheidet über den Aufstieg oder den Niedergang von Gesellschaften, ihre Dominanz oder ihre Subordinierung, über Reichtum oder Armut. Die Frage, welche Ressourcen genutzt werden, entscheidet über die Erhaltung oder Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen. Die Verfügbarkeit von Energie entscheidet zwar nicht über alles, ist aber die Basis für alles. Die wirtschaftlichen Systeme werden vom Ressourcenfluss determiniert. Das umgekehrte, dass sich die Ressourcenflüsse an den wirtschaftlichen Systemen orientieren, ist aus physikalischen Gründen unmöglich. Dieses politisch-ökonomische Grundwissen ist in der Zeit verloren gegangen, der die kapitalistischen Zentren die Möglichkeit hatten, sich die Ressourcen des Erdballs zu greifen. Doch diese Zeit geht irreversibel zu Ende.

Die Erschöpfung der konventionellen fossilen Ressourcen - Erdöl, Erdgas, Kohle, Uran - ist unausweichlich. Viele träumen zwar von der Ausbeutung sogenannter nichtkonventioneller fossiler Ressourcen: Aber dieses wird die Kosten deutlich erhöhen und die Umweltgefahren exponentiell eskalieren. Die Erschöpfung von konventionellem Erdöl, Erdgas und Uran kommt innerhalb der nächsten fünf Jahrzehnte. Die Folgen werden sein: dramatische Preissteigerungen, wirtschaftliche Krisen, wachsende soziale Spannungen, zunehmende internationale Konflikte und Kriege um die Restressourcen. Bereits vor dem Irak-Krieg lagen die Kosten der USA für ihre militärische Präsenz in den Ölregionen von Arabien bis in den Kaukasus bei 100 Milliarden Dollar im Jahr. Diese Zahlen verraten mehr über die Ressourcensituation als die meisten Energieexperten zugeben.

Die Determinierung der wirtschaftlichen Strukturen durch die fossilen Energien erfolgt durch die Ressourcenflüsse: Die Nutzung von Energie ist immer dezentral, wo Menschen arbeiten und leben. Aber die fossilen Energiequellen werden an relativ wenigen Plätzen der Welt gefördert. Die Verbindung zwischen den wenigen Förderplätzen - zum Beispiel kommen 60 % des Weltbedarfs an Petroleum aus 40 „giant-fields“, von denen allein 26 in den Ländern der Golf-Region liegen -und den Milliarden Orten der Konsumtion von Energie sind die Energieketten. Sie reichen um den Erdball: Petroleum aus Arabien und den Kaukasus für Europa, Amerika, Japan, Indien und China; Kohle aus Australien und Südafrika für Europa und Japan; Erdgas aus Nordafrika oder dem Kaukasus für Europa. Uran aus Russland, Südafrika oder Kanada für den Rest der Welt. Die Kette besteht aus vielen einzelnen Gliedern und einer Transport-Infrastruktur. Damit sie sich amortisiert, müssen gigantische Mengen an Energie durchgeschleust werden. Der Kapitalbedarf ist ebenso gigantisch: 500 Milliarden Dollar Investitionen im Jahr. Es ist das wichtigste Kreditgeschäft der Großbanken. Die riesigen Transportmengen führten zu immer größeren Transportkapazitäten, größeren Raffinerien und Kraftwerken, zu Zentralisierung, Oligopolen und Monopolen, zur Globalisierung. 60 % der 100 größten Unternehmen der Welt sind im Ressourcen-Business. Es ist das größte Business der Weltwirtschaft und das politisch einflussreichste - einflussreicher als der militärisch-industrielle Komplex. Es macht die Regierungen zu Marionetten. Es fesselt Gesellschaften und ist gleichzeitig eine Selbstfesselung der Energiewirtschaft.

Es ist das größte Entwicklungshemmnis der Dritten Welt: Diese muss auf den Weltmärkten die Energie kaufen, obwohl sie durchschnittlich weniger als 10 % Nationalprodukt per capita haben. Das heißt: sie haben de facto zehnmal höhere Energiepreise. Viele müssen für den Import von Energie mehr bezahlen als sie Exporteinnahmen haben. Länder wie Deutschland oder Italien liegen bei über 20 % Importkosten für Energie im Verhältnis zu ihren Exporteinnahmen, mit wachsender Tendenz. In Griechenland sind es bereits über 70 %. Eine globale Kapitalismusanalyse, die das alles ignoriert, ist extrem unvollständig.

Das Problem für die Ökospäre ist noch umfassender. Es ist eine fatale analytische Reduktion, allein über die Kohlendioxid-Emissionen und die deren „global-warming“-Effekte oder über die Gefahren atomarer Strahlung zu sprechen. Hinzu kommen millionenfache Mortalitätsraten in den Städten durch Staub- und Schwefelemissionen. Vor allem aber kommt das Wasserproblem hinzu: Allein für die Erdölförderung werden jährlich 30 Billionen Liter Wasser verseucht. Für jede Kilowatt-Stunde Strom aus Dampfkraftwerken werden durchschnittlich 2 Liter Wasser verbraucht -und alle großen Kraftwerke gehören dazu, ob Kohle-, Gas-, Öl- oder Atomkraftwerke. Sie entziehen der Region, in der sie stehen, die Wassermengen. Mit dem regionalen Wasserverlust geht der natürliche Kühleffekt des Wassers für die Landschaft, besonders für Wälder und Landwirtschaft verloren. Die Folge sind einerseits immer größere Dürrezonen und andererseits immer mehr Flutkatastrophen, wegen der hohen Konzentration des durch die Dampfkraftwerke kondensierten Wassers in der Atmosphäre. Die Folgeschäden werden immer höher. Die Flutschäden im letzten Jahr in Italien und die aktuelle Energiekrise stehen in einem direkten Zusammenhang.

Erneuerbare Energien sind die einzige Möglichkeit dieser Energiefalle zu entgehen. Die Substitution atomarer und fossiler Energien ist die entscheidende Determinante, um der Zivilisationsfalle des konventionellen Energiesystems zu entkommen. Erneuerbare Energien unerschöpflich, Energiekrisen können mit ihnen generell vermieden werden. Kriege um Erneuerbare Energien müssen nicht geführt werden. Für jedes Land der Welt ist es möglich, den Energiebedarf mit Erneuerbaren Energien zu befriedigen. Unterschiedlich sind nur die jeweiligen Schwerpunkte, die davon abhängig sind, wie die geographische Situation jeweils ist. Es gibt Länder mit mehr Sonnenstrahlung; andere haben bessere Windbedingungen; andere haben mehr Wasserkraftpotentiale; und andere haben mehr Möglichkeiten, die Biomasse zu nutzen. Und einige haben alles zusammen in reichlicher Form. In konkreten Szenarien wurde bereits für manche Länder vorgerechnet, wie zu 100 % der Energiebedarf aus erneuerbaren Energien gedeckt werden kann: Für Frankreich bereits 1978, ebenfalls 1978 für die USA (von der Union of Concerned Scientists, in der mehr als 50 amerikanische Nobelpreisträger engagiert sind), 1993 für Deutschland, 1999 für die EU und aktuell für Japan. Diese Erkenntnisse werden von den konventionellen Energieexperten verleugnet, um den Mythos der Indispensabilität von konventionellen Energien zu retten.

Der Grund dafür ist, dass mit erneuerbaren Energien die konventionellen Energieketten gesprengt werden. Erneuerbare Energien gibt es überall. Sie ermöglichen Energieautonomie. Es gibt kurze Energieketten statt lange. Viele dezentrale Anlagen ersetzen wenige große. Sie sind antimonopolistisch. Sonne und Wind kann man nicht privatisieren. Sie führen zu einer neuen technologischen Revolution für die Produktion vieler dezentraler Technologien. Sie führen zu einer Revitalisierung der Landwirtschaft für die Produktion von Bio-Energie. Sie führen zur Wirtschaftsförderung der Regionen. Sie machen das möglich, was die Kritiker der Globalisierung fordern. Sie werden immer billiger, mehr es zur Massenproduktion der Techniken kommt, während die Kosten für die konventionellen Energien immer weiter steigen.

Und vor allem sind erneuerbare Energien kompatibel mit der Ökosphäre. Sie sind emissionsfrei. Zur Stromproduktion aus Sonne und Wind braucht man kein Wasser. Sie restabilisieren das Klima.

Vor diesem Hintergrund sind die Diskussionen über erneuerbare Energien absurd. Sie sind keine ökonomische Last, sondern eine Chance. Aber sie führen zu einer strukturellen Revolution aller wirtschaftlichen Strukturen. Der große Verlierer wird die konventionelle Energiewirtschaft sein. Ihre Einführung erfordert eine prioritäre politische Strategie. Der Markt allein kann das nicht schaffen, denn dieser ist dominiert von der konventionellen Energiewirtschaft, die ihre Kosten auf dem Rücken der Zivilisation und der Ökosphäre reduziert.

Der Wechsel kann schnell gehen, wenn die politischen Impulse kommen. Solaranlagen und Windkraftanlagen sind wenigen Tagen installiert, für ein konventionelles Kraftwerk braucht man zehn oder mehr Jahre. Beispiele für schnelle Entwicklungen sind: Durch das Erneuerbare Energie-Gesetz in Deutschland, das die Einspeisung von Strom aus Erneuerbaren Energien in das Stromnetz für jeden garantiert und dafür eine gesetzliche Preisgarantie für jede Kilowattstunde gibt, sind in zehn Jahren Kapazitäten von 13.000 MW Windkraft installiert worden - und in den letzten vier Jahren über 300 MW Solaranlagen, mit jährlich größeren Zuwächsen. Der break-throogs für Bio-Kraftstoffe in Automobilen kommt durch deren totale Befreiung von der Energiesteuer. Dadurch werden sie sofort billiger als fossiles Benzin oder Dieselöl. Das Gesetz ist seit dem 1. Januar in Kraft. Autokonzerne wie Volkswagen und Mercedes propagieren seitdem diese Entwicklung, um ihre unheilige Allianz mit der fossilen Energiewirtschaft zu beenden. Ford bietet Autos an, die einen Kraftstoff nutzen können, der zu 85 % aus Bio-Ethanol besteht. Wo die Steuerbefreiung für Biokraftstoffe durchgesetzt wird, kann die Strategie "Weg vom Öl“ in vielleicht drei Jahrzehnten realisiert werden. In schwedischen Städten fahren die Flotten der Stadtbusse mit Bio-Ethanol. Barcelona hat beschlossen, dass solarthermische Anlagen für alle Neubauten obligatorisch werden. Im rekonstruierten Reichstag in Berlin wird der Energiebedarf bereits zu 85 % mit Erneuerbaren Energien gedeckt, im neuen Kanzleramt zu 70 %. In London gibt es eine Wohnsiedlung, die ihren gesamten Energiebedarf mit erneuerbaren Energien selbst produziert und dafür den Europäischen Solarpreis erhalten hat. Diese Beispiele zeigen: die Energierevolution ist möglich.

Das Problem in Italien war, dass die Zeit nach 1987 - nach dem Referendum gegen die Atomenergie - nicht genutzt wurde. Der Frage wurde ausgewichen, die Erneuerbaren Energien als nichtfossile Alternative zur Atomenergie zu mobilisieren. Stattdessen wurde Atomstrom aus Frankreich importiert, der selbst zunehmend in die Falle des dafür notwendigen Wasserbedarfs kommt. Immer häufiger müssen die Atomkraftwerke an der Rhone wegen Wasserknappheit abgeschaltet werden.

Erneuerbare Energien sind sanfte Energien. Aber man braucht für sie harte politische Strategien. Dass - zum Beispiel - auf dem Monte Argentario, wo der Wind kräftig weht, noch keine einzige Windkraftanlage steht, ist ein Symbol politischer Phantasielosigkeit. Selbst Umweltinitiativen waren dagegen, als es vor wenigen Jahren versucht wurde. Sie akzeptieren hunderttausend Hochspannungsmasten und die Hochspannungsleitungen in der Landschaft, aber keine Windkraftanlagen. Auch sie haben die falschen Maßstäbe: Sie wollen Klein-Biotope schützen und verhindern damit die Rettung des Groß-Biotops. Auch sie denken zu partikulär und stehen sich damit selbst im Wege.

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